Robotik und Cobots werden zunehmend als Antwort auf Fachkräftemangel, Wachstumsschmerzen und Qualitätsdruck in der Fertigungsindustrie genannt. Dennoch bleibt bei vielen Unternehmen Skepsis bestehen. Funktioniert das wirklich? Ist es bezahlbar? Und passt es überhaupt in eine bestehende Produktionsumgebung? Laut Bart Van Quickelberghe werden diese Fragen oft noch vom falschen Ausgangspunkt aus gestellt. Denn wer Robotik nur als „einen zusätzlichen Roboter“ betrachtet, verpasst seiner Meinung nach genau das, wo der eigentliche Mehrwert liegt: nicht im Roboter an sich, sondern in der gesamten Systemlösung drumherum.
In dieser Folge spricht Niko Saris mit Bart Van Quickelberghe über die Praxis der Robotik im Handling. Der rote Faden des Gesprächs ist klar: Robotik funktioniert erst dann wirklich, wenn Vision, Greifer, Software und Finishing-Prozess zu einem logischen Ganzen verschmelzen. Und genau dort geht es seiner Ansicht nach am Markt noch zu oft schief.
Robotik im Handling dreht sich nicht um den Roboter, sondern um das gesamte System
Laut Bart Van Quickelberghe steht Robotik im Handling heute deshalb so im Mittelpunkt, weil Handling im Kern das Aufnehmen, Drehen, Zuführen und Positionieren von Bauteilen bedeutet. Solche sich wiederholenden Handlungen eignen sich technisch perfekt für die Automatisierung. Doch damit ist es noch nicht getan. Denn der wahre Wert entsteht erst, wenn der Roboter intelligent in den Prozess eingebettet wird, zu dem er gehört.
Damit unterscheidet sich diese Welle von früheren Automatisierungswellen. Es geht ihm zufolge nicht mehr nur um einen Roboterarm oder eine mechanische Bewegung, sondern um Intelligenz im System: Vision, Greifer und Robotik müssen als eine integrierte Lösung zusammenarbeiten. Das macht es nicht nur intelligenter, sondern auch viel zugänglicher, neue Produkte einzulernen und flexibel zu produzieren.
Das eigentliche Problem, das Robotik löst, ist nicht Technik, sondern Personalmangel
Als Niko Saris fragt, warum sich gerade Handling-Aufgaben so gut für die Robotisierung eignen, kommt Bart Van Quickelberghe schnell zum Kern: Sie lösen in erster Linie einen akuten Mangel an Arbeitskräften. Viel Handling-Arbeit ist repetitiv, langweilig oder körperlich unattraktiv. Man denke an kleine Produkte, die rund um die Uhr zugeführt werden müssen, oder an große, scharfkantige und schwere Blechteile, die fachgerecht gehandhabt werden müssen.
Das sind genau die Aufgaben, für die Unternehmen immer schwerer Personal finden. Robotik ersetzt seiner Ansicht nach den Menschen nicht vollständig, macht eine Organisation aber weniger abhängig von knappen Kapazitäten. Und das ist für viele Unternehmen heute schon Grund genug, sich ernsthaft mit einer automatisierten Handling-Lösung zu befassen.
Unternehmen wollen nicht einfach nur einen Roboter, sondern Unabhängigkeit
Laut Bart Van Quickelberghe suchen Unternehmen in der Praxis nicht nur ein Stück Technik, sondern vor allem mehr Unabhängigkeit. Sie wollen eine Anlage, die Tag und Nacht laufen kann, die sich an wechselnde Bedingungen anpasst, die mit neuen Produkten umgehen kann und die nicht völlig zum Stillstand kommt, wenn ein Bediener einmal nicht verfügbar ist.
In dieser Hinsicht verknüpft er Robotik auch mit dem, was er Industrie 5.0 nennt: nicht nur vernetzte Maschinen und Daten, sondern auch Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Lösungen, die für die Menschen am Arbeitsplatz nutzbar bleiben. Unternehmen wollen seiner Meinung nach effizienter werden, bessere Qualität erzielen und gleichzeitig ein System aufbauen, das mit ihrem Wachstum und ihrem Markt mitwächst.
Die meisten Unternehmen kommen erst in Bewegung, wenn sie irgendwo festfahren
In der Praxis sieht Bart Van Quickelberghe, dass Unternehmen meist nicht aus Neugier mit Robotik beginnen, sondern weil irgendwo ein Engpass entsteht. Sie wollen wachsen, haben aber zu wenig Personal. Ihnen fehlt Platz. Oder sie erreichen das gewünschte Qualitätsniveau nicht mehr. In diesem Moment suchen sie keine einzelne Maschine, sondern eher einen Sparringspartner oder Berater, der ihre Situation versteht und automatisierbar machen kann.
Genau darin liegt seiner Ansicht nach auch der Unterschied zwischen dem bloßen Verkauf eines Roboters und dem Aufbau einer echten Handling-Lösung. Man muss zunächst die Lebenswelt des Kunden verstehen, bevor man aufzeigen kann, was Robotik dort konkret verbessern wird.
Warum frühere Roboterprojekte oft scheiterten
Niko Saris bringt im Gespräch auch eine berechtigte Frage auf den Tisch: Was, wenn ein Unternehmen dies bereits einmal versucht hat und es damals scheiterte? Laut Bart Van Quickelberghe liegt die Erklärung oft darin, dass Robotik zu isoliert betrachtet wurde. Eine Robotereinheit an eine bestehende Finishing-Straße „anzukleben“ funktioniert seiner Meinung nach nur selten gut. Die Geschwindigkeit des Handlings muss zum Tempo und Charakter des Finishing-Prozesses passen. Ist das nicht ausgewogen, entsteht Reibung.
Deshalb argumentiert er, dass Robotik im Handling nur dann wirklich erfolgreich ist, wenn die Integration vollständig rund um den gesamten Prozess konzipiert wird. Finishing und Handling sind seiner Ansicht nach keine zwei getrennten Welten, sondern eine Geschichte. Und genau dort hebt sich Q-Fin nach seinen Worten ab.
Was Unternehmen oft völlig falsch einschätzen
Einer der interessantesten Teile des Gesprächs betrifft Erwartungen. Laut Bart Van Quickelberghe gibt es zwei Denkfehler, die häufig wiederkehren. Der erste besteht darin, dass Unternehmen glauben, sie stellen morgen einen Roboter auf und dieser übernimmt sofort 100 Prozent ihrer Produktion fehlerfrei. Das ist seiner Ansicht nach eine falsche Erwartung. Der zweite Denkfehler ist das Gegenteil: dass Unternehmen aufgrund dieser Unsicherheit lieber gar nicht erst anfangen. Auch das ist seiner Meinung nach falsch.
Denn, so sagt er ganz direkt: Robotik bringt immer einen Gewinn für Unternehmen, die gegen einen klaren Engpass stoßen. Kapazität, Effizienz, Qualität und Personalverfügbarkeit verbessern sich in solchen Situationen nahezu immer. Nicht, weil es ein Wundermittel ist, sondern weil es gezielt einen Engpass beseitigt.
Zu teuer, zu schwierig und zu komplex? Dieses Bild stimmt seiner Ansicht nach immer weniger
Ein weiterer hartnäckiger Einwand, den Bart Van Quickelberghe nennt, ist die Vorstellung, Robotik sei unbezahlbar oder zu kompliziert. Er sagt hingegen, dass diese Bedenken deutlich kleiner geworden sind. Unternehmen können heutzutage vorab viel besser Einblick in Amortisationszeit, Benutzerfreundlichkeit und Implementierungsrisiko gewinnen. Und genau darauf setzt seiner Ansicht nach ihr Ansatz: niedrigschwellig automatisieren, schnell sichtbarer Gewinn und Benutzerfreundlichkeit, die Bediener nicht abschreckt, sondern unterstützt.
Was heute anders ist als vor zehn Jahren
Niko Saris bringt anschließend einen Gedanken ein, den viele Unternehmer wiedererkennen werden: Diese Art von Lösungen gab es doch vor zehn Jahren auch schon? Laut Bart Van Quickelberghe ist der Unterschied einfach: Der Markt ist jetzt dafür bereit. Die Technik hatte Zeit zu reifen, so wie es auch bei anderen digitalen Technologien der Fall war. Wo sich früher etwas noch komplex oder experimentell anfühlte, wird es nun breiter akzeptiert, weil Unternehmen den Mehrwert konkret sehen.
Hinzu kommt noch etwas: Anbieter wie Q-Fin haben seiner Ansicht nach in den vergangenen Jahren bewusst investiert, um das Konzept marktreif zu machen. Nicht als Geschichte, sondern als etwas, das man buchstäblich zeigen kann. Und dieser visuelle Beweis nimmt seiner Meinung nach viele Zweifel weg.
Die größte technische Herausforderung liegt oft am Anfang
Als Niko Saris zur technischen Seite nachfragt, macht Bart Van Quickelberghe deutlich, dass die schwierigste Frage oft nicht im Roboter selbst liegt, sondern in der vorgelagerten Analyse. Wie groß ist die Produktvariation? Was produziert ein Kunde tatsächlich auf Jahresbasis? Welche Lösung passt zu diesem Mix? Das erfordert seiner Ansicht nach viel Vorbereitung im Pre-Sales-Prozess.
Deshalb wurde bei Q-Fin stark in Tools investiert, um diese Voranalyse am Anfang richtig durchzuführen. Nicht mit einem generischen Roboter, der „für alles passt“, sondern mit einer fundierten Wahl, die zur Produktion dieses spezifischen Kunden passt.
Warum Standardisierung hier wichtiger ist als Spezialisierung
Ein weiterer auffälliger Punkt im Gespräch ist die Betonung der Standardisierung. Laut Bart Van Quickelberghe denken Kunden manchmal, dass sie vor allem etwas hochspezifisches brauchen: spezielle Greifer, Greiferwechsel, zusätzliche Optionen, allerlei Ausnahmen. Doch seiner Meinung nach führt jede Sonderlösung auch zu zusätzlicher Komplexität, Risiko, längeren Lieferzeiten und geringerer Benutzerfreundlichkeit.
Deshalb ist der Grundsatz bei Q-Fin gerade, mit Standards zu arbeiten, die nahezu alle Anwendungen abdecken. Nicht, weil Maßarbeit nie nötig wäre, sondern weil Standardisierung gerade Zuverlässigkeit und Skalierbarkeit bringt. Und das ist seiner Ansicht nach heute eine der größten Stärken ihres Handling-Ansatzes.
Flexibilität entsteht nicht durch Sonderlösungen, sondern durch modularen Aufbau
Das wirft natürlich die Frage auf, wie flexibel ein solches standardisiertes System dann noch ist. Darauf antwortet Bart Van Quickelberghe, dass Flexibilität gerade durch Modularität entsteht. Jedes Modul kann eigenständig arbeiten, ist aber gleichzeitig darauf vorbereitet, später an ein weiteres Modul angekoppelt zu werden. Eine halbe Linie kann später verdoppelt werden. Eine Linie ohne Robotik kann zu einer Linie mit Robotik erweitert werden. Eine einseitige Linie kann zu beidseitigem Finishing ausgebaut werden.
Das bedeutet, dass ein Kunde keine Alles-oder-Nichts-Entscheidung treffen muss. Die Linie kann mit der Organisation mitwachsen, solange die Basis klug aufgesetzt ist.
Das Schwierigste bei der Implementierung ist oft nicht die Maschine, sondern der Mensch
Wenn das Gespräch in Richtung Implementierung geht, wird deutlich, dass der Faktor Mensch laut Bart Van Quickelberghe mindestens genauso wichtig ist wie der Faktor Maschine. Bediener müssen sich an eine andere Arbeitsweise gewöhnen. Jemand, der zwanzig Jahre lang alles selbst manuell parametriert hat, bekommt es plötzlich mit festgelegten Programmen und einem stärker automatisierten Ablauf zu tun. Das erfordert Eingewöhnung.
Das sieht er nicht als Problem, aber als eine Realität, die aktiv begleitet werden muss. Das Verhalten der Bediener, die Mentalität in der Organisation und die Offenheit für Veränderung bestimmen seiner Ansicht nach stark mit, ob Automatisierung wirklich erfolgreich wird.
Ein Bediener wird nicht überflüssig, sondern zum Prozessüberwacher
Ein interessanter Punkt im Gespräch ist, wie sich die Rolle des Bedieners verändert. Laut Bart Van Quickelberghe verschiebt sich diese vom manuellen Zuführen und Nachjustieren hin zur Überwachung des gesamten Prozesses. Der Bediener wird damit eher zum Supervisor als zum Ausführenden. Er oder sie legt nicht mehr jedes einzelne Teil Stück für Stück auf das Band, sondern behält Flow, Verfügbarkeit und Kontinuität des Prozesses im Auge.
Das ist seiner Ansicht nach nicht nur eine andere Aufgabe, sondern auch ein höheres Maß an Verantwortung. Und gerade darin sieht er viel Wert für die Menschen, die heute schon an diesen Linien arbeiten.
Wartung soll vor allem einfach und bezahlbar bleiben
Auch beim Thema Wartung wurde bewusst auf Zugänglichkeit gesetzt. Bart Van Quickelberghe erläutert, dass Q-Fin mit zwei Lösungsrichtungen arbeitet: Cobots für kleinere und leichtere Bauteile sowie kartesische Roboter für Situationen, in denen höhere Traglasten, größere Geschwindigkeiten oder gefährlichere Produkte eine Rolle spielen. Besonders diese kartesischen X-Y-Z-Systeme sind seiner Ansicht nach interessant, weil sie nahezu wartungsarm sind.
Damit vermeidet man, dass Kunden für jede kleine Wartung von einem externen Spezialisten abhängig werden. Einen Riemen zu wechseln oder etwas zu schmieren ist etwas ganz anderes als komplexe Kalibrierungsprozesse oder spezialisierte Servicearbeiten. Und genau das senkt die Gesamtkosten und die Komplexität eines solchen Systems.
So berechnet Q-Fin im Voraus, ob eine Linie rentabel ist
Wenn es letztlich um Euro geht, möchte Bart Van Quickelberghe vor allem deutlich machen, dass rentable Automatisierung keine Schätzung aus dem Bauch heraus sein muss. Q-Fin geht seiner Ansicht nach von den Produktionsdaten des Kunden aus: Alle Schneidteile, die dieser Kunde auf Jahresbasis produziert, werden analysiert. Daraus werden durchschnittliche Abmessungen, Geschwindigkeiten und Auslastungsgrade abgeleitet. Diese Parameter werden anschließend neben die aktuelle Situation gelegt: wie viele Menschen, wie viele Schichten, wie viel Material, wie viel Output.
Auf dieser Grundlage entsteht ein realistisches Bild der Investition, der Betriebsstunden, der Auslastung und der Amortisationszeit. Laut Bart Van Quickelberghe ergibt sich daraus nahezu immer ein glaubwürdiger ROI, sofern der Engpass und die tatsächliche Situation ehrlich erfasst werden.
Cobot oder nicht? Das hängt vor allem von drei Dingen ab
Niko Saris fragt auch ausdrücklich, wann ein Cobot sinnvoll ist und wann nicht. Laut Bart Van Quickelberghe hängt das vor allem von Stellfläche, Produktgröße und Traglast ab. Cobots passen gut zu kompakten Aufbauten, kleineren Bauteilen und relativ leichten Produkten. Doch sobald die Geschwindigkeiten steigen, Produkte gefährlicher werden oder mehrere Palettenpositionen und größere Stellflächen nötig sind, verschiebt sich die Logik in Richtung kartesischer Roboter.
Damit macht er deutlich, dass die Entscheidung für einen Cobot keine Modeentscheidung sein sollte, sondern eine rationale Prozessentscheidung.
Die realistische Erwartung: keine Traumgeschichte, aber Ruhe und viel Gewinn
Am Ende des Gesprächs fasst Bart Van Quickelberghe schön zusammen, was eine realistische Erwartung an Robotik im Handling ist. Nicht 100 Prozent perfekte Automatisierung von allem, aber Ruhe in der Organisation, ein sehr hoher automatischer Anteil an der Produktmasse und deutlicher Gewinn bei Qualität, Output und Personaleinsatz. Seiner Ansicht nach liegt dieser automatische Anteil „im hohen Neunzigprozentbereich“, aber nicht bei hundert. Und genau darüber will Q-Fin ehrlich sein.
Diese Ehrlichkeit gehört seiner Ansicht nach auch zum Erfolg. Keinen Traum verkaufen, sondern ein System, das tut, was vorab realistisch vereinbart wurde.
Fazit
Das Gespräch zwischen Niko Saris und Bart Van Quickelberghe macht eines deutlich: Robotik im Handling ist kein futuristisches Experiment mehr, sondern eine ernstzunehmende Antwort auf ganz konkrete Probleme in der Fertigungsindustrie. Fachkräftemangel, Qualitätsdruck, Wachstumsblockaden und repetitive Arbeit zwingen Unternehmen dazu, ihren Prozess anders zu betrachten. Laut Bart Van Quickelberghe liegt der Gewinn dabei nicht in einzelnen Roboterarmen, sondern in integrierten, standardisierten und modular erweiterbaren Systemen, die wirklich zur Praxis passen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus diesem Gespräch: Unternehmen müssen keine Angst haben, dass sie morgen eine unbezahlbare, unverständliche Technologie ins Haus holen. Aber sie müssen ehrlich hinschauen, wo es heute hakt. Denn dort beginnt der eigentliche Business Case der Robotik.
FAQ
Wer ist Bart Van Quickelberghe?
Bart Van Quickelberghe ist in dieser Folge der Spezialist, der erläutert, wie Q-Fin Robotik und Handling innerhalb von Finishing-Prozessen betrachtet.
Wer interviewt ihn in dieser Folge?
Die Folge wird von Niko Saris moderiert.
Warum entscheiden sich Unternehmen für Robotik im Handling?
Vor allem wegen Fachkräftemangel, repetitiver Arbeit, Qualitätsverbesserung und dem Wunsch, unabhängiger und effizienter zu produzieren.
Warum scheitern Roboterprojekte manchmal?
Laut Bart Van Quickelberghe oft deshalb, weil Robotik zu isoliert vom gesamten Finishing-Prozess betrachtet wird. Ohne Integration von Handling und Finishing geht es schneller schief.
Was ist eine realistische Erwartung an Robotik?
Nicht 100 Prozent aller Produkte automatisch zu verarbeiten, aber einen sehr hohen Prozentsatz, mehr Ruhe im Prozess und deutlichen Gewinn bei Kapazität, Qualität und Effizienz.
