Hamburg – Was einst als stolzes Stück europäischer Technologie begann, droht nun zum Schauplatz eines Machtkampfes zwischen China und dem Westen zu werden. Im Hamburger Stadtteil Lokstedt läuft die größte europäische Fabrik von Nexperia – einst Teil von Philips – auf Hochtouren. Doch hinter den glänzenden Reinräumen und vollen Auftragsbüchern tobt ein Sturm aus politischem Druck, Angst und Misstrauen.
Vom Philips-Stolz zum chinesischen Besitz
Die fast ein Jahrhundert alte Fabrik entwickelte sich zu einem wichtigen Lieferanten von Halbleitern für die europäische Automobilindustrie. Als Nexperia vor einigen Jahren über die Muttergesellschaft Wingtech in chinesische Hände geriet, schrillten in Europa die Alarmglocken. Und nun, im Jahr 2025, scheinen sich diese Sorgen zu bewahrheiten.
China zieht langsam die Daumenschrauben an: Der Export „einfacher“ Chips nach Europa wird erschwert, Fabriken fürchten Lieferprobleme und Tausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.
Chef freigestellt, Fabrik in Ungewissheit
Die niederländische Unternehmenskammer stellte den chinesischen Chef Zhang Xuezheng frei. Sein Nachfolger, der Deutsche Stefan Tilger, warnt, dass die Spannungen zwischen China und dem Westen das Unternehmen im Würgegriff halten. „Die gesamte Chipindustrie ist weltweit verflochten. Fällt ein Glied weg, gerät alles ins Stocken“, sagt er besorgt.
Unterdessen droht die europäische Automobilindustrie – abhängig von Nexperias Chips – buchstäblich zum Stillstand zu kommen. Alternativen sind kaum zu finden.
Die Hamburger hegen ihre Fabrik
Die Stadt Hamburg liebt Nexperia. Die Fabrik bietet mehr als 1600 Menschen Arbeit und trägt nach Angaben der Kommunalverwaltung zur „europäischen Chip-Souveränität“ bei. Dennoch schwirren in den Straßen rund um die Fabrik die Gerüchte. „Was, wenn China den Stecker zieht?“, fragt sich ein Anwohner.
Die Fabrik ist buchstäblich zwischen Wohnhäusern eingeklemmt. Eine Erweiterung ist kaum möglich, doch Nexperia investierte im vergangenen Jahr trotzdem 180 Millionen Euro in neue Technologien mit Materialien wie Siliziumkarbid – eine Innovation, die Chips sparsamer und leistungsfähiger macht.
Deutsche Regierung untersucht Zusammenarbeit
Doch selbst wissenschaftliche Kooperationen stehen nun unter der Lupe. Das deutsche Forschungsinstitut DESY, das Nexperia bei der Chipentwicklung unterstützt, wird vom Technologieministerium untersucht. Der Grund: Man will verhindern, dass sensibles Wissen nach China abwandert.
Unruhe in der Belegschaft
Innerhalb der Fabrikmauern nimmt die Spannung spürbar zu. Nach einem Homeoffice-Verbot, der Streichung des Tarifvertrags und Plänen für neue Schichtsysteme platzte die Bombe. „Der Einfluss Chinas ist enorm und nicht positiv“, sagt ein Mitarbeiter anonym.
Die Gewerkschaft IG Metall spricht von wachsendem Stress und Unruhe. „Die Menschen wollen einfach Klarheit“, sagt Geschäftsführer Patryk Krause. „Aber solange der Machtkampf andauert, bleibt alles in der Schwebe.“
Chips voller Spannung
Trotz des Chaos bleiben die Auftragsbücher voll. Die Nachfrage nach Chips ist größer denn je. Doch was passiert, wenn die Spannungen weiter zunehmen? Ein Mitarbeiter fasst es prägnant zusammen: „Unsere Chips gehen um die ganze Welt, aber unsere Zukunft … die hängt am seidenen Faden.“
