Der große Chemiekomplex Chemelot in Süd-Limburg gilt als eines der am stärksten integrierten Industriecluster Europas. Mit einem gemeinsamen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro, über 8000 direkten Beschäftigten und Zehntausenden indirekten Arbeitsplätzen bildet der Park eine wirtschaftliche Achse für die Region. Doch hinter den Kulissen wachsen die Spannungen. Während Chemelot seine Verduurzaming – also seinen Umbau hin zu mehr Nachhaltigkeit – beschleunigen und eine Vorreiterrolle einnehmen will, brechen wichtige Glieder weg, und Investitionen geraten durch hohe Energiepreise und internationale Konkurrenz unter Druck.
Ein Wasserstofftraum auf wackligem Fundament
Auf dem Gelände ist Platz reserviert für zwei große neue Anlagen des Energieriesen RWE, jede mit einer Investition von rund 1 Milliarde Euro. Die sogenannten Furec-Fabriken sollen Restabfall in nachhaltigen Wasserstoff umwandeln, wodurch mehrere Fabriken auf Chemelot weniger abhängig von Erdgas werden.
Doch das Zustandekommen dieser Anlagen ist alles andere als sicher. Die wichtigsten künftigen Abnehmer – darunter OCI und Fibrant – stecken selbst in schwerem Fahrwasser. OCI hat zwei Ammoniakfabriken zum Verkauf gestellt und kämpft mit unfairer Konkurrenz aus Ländern, in denen Gas günstiger ist. Fibrant kündigte kürzlich sogar an, drei Fabriken schließen zu wollen, wobei über hundert Arbeitsplätze wegfallen könnten.
Ein Ökosystem, das ins Wanken gerät, sobald ein Glied wegfällt
Chemelot ist auf gegenseitiger Abhängigkeit aufgebaut: Die Unternehmen liefern einander Rohstoffe, Energie und Halbfabrikate. Gerade diese Verflechtung ist die Stärke des Parks – macht ihn aber auch verwundbar. Sobald eine Fabrik wegfällt, spüren andere Unternehmen das unmittelbar.
Gemeinden und die Provinz Limburg verfolgen jede Entwicklung aufmerksam. Da Chemelot für schätzungsweise 30 % der Limburger Wirtschaft verantwortlich ist, hätte ein Schrumpfen große Folgen sowohl für die Beschäftigung als auch für die Innovation in der Region. Deshalb setzen sich lokale Behörden dafür ein, rund 2 Milliarden Euro an Unterstützung aus Den Haag zu erhalten, um den Wandel des Clusters zu beschleunigen.
Cracker, Kunststoffe und Geopolitik
Die Unsicherheit wird durch frühere Eingriffe verstärkt. So legte Sabic, Teil von Saudi Aramco, einen seiner Cracker still – eine zentrale Fabrik für die Produktion von Basischemikalien. Für viele Unternehmen auf dem Gelände bedeutete das den Wegfall eines wesentlichen Rohstoffstroms. Zugleich investiert Sabic in eine neue Recyclinganlage, die Plastikabfall in Pyrolyseöl umwandelt, eine nachhaltigere Alternative zu fossilem Naphtha.
Das unterstreicht einen breiteren Trend: Manche Unternehmen unternehmen Schritte in Richtung Kreislaufwirtschaft, während andere gerade aussteigen, weil der Umbau zu kostspielig oder Energie zu teuer ist.
Sauerstoff für die Energierechnung
Laut Standortdirektor Koos van Haasteren sind vor allem die Stromkosten eine Bremse für die Entwicklung von Chemelot. In der direkten Umgebung liegen Deutschland und Belgien – Länder, in denen Strom deutlich günstiger ist. Für Chemelot bedeutet das einen jährlichen Kostenunterschied, der auf bis zu 50 Millionen Euro anwachsen kann.
Darüber hinaus steckt das Genehmigungsverfahren fest. Eine geplante 380-kV-Verbindung, die dem Park beim nachhaltigen Umbau helfen soll, hätte längst da sein müssen. Doch die aktuelle Planung verschiebt sich bis 2033.
Abwanderer und Neuankömmlinge
Chemelot sah in den vergangenen Monaten mehrere Unternehmen abwandern oder schrumpfen:
- Vynova stellt die Produktion von PVC in Geleen ein.
- Uniper blies eine eine halbe Milliarde teure Syngas-Fabrik ab.
- Fibrant droht Standorte zu schließen.
Dennoch gibt es auch neues Interesse. Ausländische Unternehmen – darunter Investoren aus Kanada und Frankreich – prüfen gerade, ob sie sich in Limburg niederlassen können. Der durch die Abwanderer frei werdende Raum könnte dafür sogar eine Chance sein.
Das Ziel: ein vollständig zirkulärer Chemiepark bis 2050
Chemelot arbeitet an hundert Nachhaltigkeitsprojekten, die zusammen rund 10 Milliarden Euro kosten. Der Anspruch: bis 2050 das erste vollständig zirkuläre und klimaneutrale Chemiecluster Europas zu werden.
Doch die Dringlichkeit nimmt zu. Denn obwohl das Cluster nach wie vor über innovative Unternehmen, hochwertiges Wissen und eine einzigartige Infrastruktur verfügt, lautet die Frage: Will die Niederlande diese Industrie erhalten?
Van Haasteren ist deutlich:
- Die Fabriken von OCI bleiben – wenn auch möglicherweise unter einem neuen Eigentümer.
- Sabic wird seinen Cracker weiterlaufen lassen.
- Doch ohne Unterstützung und schnellere Verfahren verliert die Niederlande ein strategisch starkes Cluster, das die Grundlage für unzählige Industrien liefert.
Ein Moment der Wahrheit
Die Zukunft von Chemelot hängt also an mehreren Fäden:
- Energiepreise, die wettbewerbsfähig werden müssen.
- Genehmigungen, die schneller erteilt werden müssen.
- Unternehmen, die in Nachhaltigkeit investieren wollen müssen.
- Staatliche Unterstützung, die dringend notwendig ist in einem internationalen Markt, in dem andere Länder viel schneller handeln.
Eines macht Van Haasteren deutlich:
Chemelot wird nicht einfach aufhören, aber ohne messbare Unterstützung lässt die Niederlande eine einzigartige Chance ungenutzt, eine führende Rolle in der nachhaltigen Industrie zu spielen.
