Wer Automatisierung in der Metallbranche noch als einzelnes Projekt betrachtet, hinkt laut Janwillem Verschuren bereits hinterher. Für den geschäftsführenden Eigentümer von De Cromvoirtse ist Automatisierung keine einmalige Investition, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der unmittelbar mit Wachstum, Flexibilität und Zukunftsfähigkeit verbunden ist.
Im Video-Podcast schildert Verschuren, wie De Cromvoirtse schon seit Jahren Schritt für Schritt an einer immer weiter automatisierten Organisation arbeitet. Nicht aus einem Hype heraus, sondern aus Notwendigkeit. Personal wird knapper, Kunden erwarten Geschwindigkeit und Flexibilität, und die Technologie entwickelt sich rasant weiter. Die Frage lautet für ihn deshalb nicht, ob man automatisiert, sondern wie schnell man lernt, es klug zu tun.
De Cromvoirtse liefert keine kompletten Endprodukte, sondern die Grundlage dafür
De Cromvoirtse befasst sich mit der maßgeschneiderten Lieferung von Stahl und Aluminium. Das geschieht durch Sägen, Schneiden, Scheren, Rohrlasern und Wasserstrahlschneiden. Das Unternehmen schweißt nichts zusammen, sondern liefert Einzelstücke und Bauteile, aus denen die Kunden anschließend ihre eigenen Endprodukte fertigen – von Maschinen und Zäunen bis hin zu Booten und anderen Konstruktionen.
Das klingt übersichtlich, macht Automatisierung aber gerade kompliziert. De Cromvoirtse arbeitet mit vielen verschiedenen Single Parts, wenig Wiederholungsarbeit und kaum langen, stabilen Serien. Das bedeutet, dass Standardautomatisierung weniger selbstverständlich ist als in einer klassischen Serienproduktionsumgebung. Wer hier automatisiert, muss also Flexibilität automatisieren.
Der erste echte Antrieb war der Personalmangel
Laut Verschuren wurde schon früh klar, dass die Verfügbarkeit von Menschen ein strukturelles Problem werden würde. In der Zeit, in der De Cromvoirtse bereits viel mit polnischen Mitarbeitern arbeitete, wuchs die Erkenntnis, dass auch dieser Arbeitsmarkt nicht unbegrenzt liefern würde. Und wenn man diesen Weg immer weiter durchdenkt, kommt man schließlich an einen Punkt, an dem man sich damit auseinandersetzen muss, wie man weiter produziert, wenn die Menschen schlicht nicht mehr da sind.
Damit bekam Automatisierung eine andere Bedeutung. Nicht als nette Innovation, sondern als notwendiger Schritt, um das Unternehmen langfristig am Laufen zu halten.
Alles beginnt mit einer Überzeugung: Es geht doch
Der vielleicht wichtigste Satz aus dem Gespräch ist zugleich der einfachste: Es geht doch. Laut Verschuren beginnt Automatisierung nicht mit der Frage, was unmöglich ist, sondern gerade mit dem Gedanken, dass es immer einen Weg gibt, etwas klüger, besser oder anders zu organisieren. Diese Einstellung sitzt tief in der Art und Weise, wie De Cromvoirtse Erneuerung betrachtet.
Das erfordert auch etwas von Lieferanten und Partnern. Ein Lieferant, der zu schnell „das geht nicht“ sagt, hilft ihm nicht weiter. Wert entsteht gerade bei Partnern, die mitdenken, untersuchen und bereit sind, gemeinsam zu schauen, wie sich etwas doch realisieren lässt – und sei es in Schritten.
Über den Tellerrand zu schauen ist für De Cromvoirtse kein Luxus, sondern Notwendigkeit
Ein zweites wichtiges Element im Ansatz von De Cromvoirtse ist das aktive Einholen von Wissen außerhalb der eigenen Mauern. Verschuren sagt dazu ausdrücklich, dass neue Ideen nicht nur entstehen, wenn man hinter einem Bildschirm sitzt. Man muss Messen besuchen, Netzwerkveranstaltungen ablaufen und auch über die eigene Branche hinausblicken. Manchmal steckt eine gute Idee nicht im Metall, sondern in Holz, Glas oder einer ganz anderen Branche.
Er betont, dass er selbst oft etwas bei einem anderen Unternehmen sieht, bei dem er denkt: Das ist clever, das könnte ich in angepasster Form ebenfalls anwenden. Gerade diese Haltung macht Automatisierung nicht zu einem isolierten internen Vorgang, sondern zu einem Lernprozess, der von der Außenwelt gespeist wird.
Der Weg zur Automatisierung begann schon 2008
Der erste wichtige Schritt war das Webportal, das 2008 eingeführt wurde. Damit kam ein Teil des Auftragsstroms digital herein, doch das löste noch nicht das gesamte Problem. Denn sobald ein Auftrag eingegangen ist, beginnt die eigentliche Arbeit in der Fabrik erst. Und dort wurde zu diesem Zeitpunkt noch vieles manuell erledigt.
Von diesem Ausgangspunkt aus hat De Cromvoirtse die Fabrik immer weiter automatisiert. Nicht in einem großen Sprung, sondern in einzelnen Bausteinen, die gemeinsam zunehmend ein integriertes Ganzes bilden.
Die Dark Factory war das Idealbild – aber Stück für Stück aufgebaut
Verschuren erzählt, dass es schon früh ein größeres Idealbild gab: ein Kunde, der abends bestellt und am nächsten Morgen sein Produkt fertig vorliegen hat, ohne dass dafür in der Nacht noch viele menschliche Handgriffe nötig sind. Das ist der Dark-Factory-Gedanke, der als Fixpunkt am Horizont diente.
Um dorthin zu gelangen, wurde das große Bild in kleinere Schritte aufgeteilt. Zuerst das Webportal. Danach ein automatisches Lager. Anschließend das automatische Be- und Entladen von Maschinen, das Aussortieren von Produkten, der Einsatz von AGVs, das automatisierte Verlagern von Produkten zum Kantroboter und schließlich auch das automatische Verpacken.
Das ist eine wichtige Lehre aus der Geschichte von De Cromvoirtse: Große Automatisierungsvisionen werden nur dann machbar, wenn man sie in überschaubare Zwischenschritte unterteilt.
Ein Teil dieser Dark Factory ist inzwischen Realität
Laut Verschuren ist das Bild einer vollständig unbemannten Produktion noch nicht überall erreicht, doch Teile davon laufen sehr wohl bereits. Am Wochenende läuft die Produktion beispielsweise größtenteils weiter. Die Roboter arbeiten weiter, auch außerhalb der regulären Anwesenheit von Menschen. Damit ist die Dark Factory keine abstrakte Idee mehr, sondern etwas, das in Teilen bereits in der Praxis umgesetzt ist.
Das macht den Ansatz von De Cromvoirtse glaubwürdig. Nicht weil schon alles perfekt ist, sondern weil das Unternehmen sichtbar zeigt, wie eine Vision langsam operativ umgesetzt werden kann.
Wachstum war nicht die Alternative zur Automatisierung, sondern ihr Ergebnis
Ein interessanter Punkt aus dem Gespräch ist, dass Automatisierung bei De Cromvoirtse nicht zu einem Rückgang der Arbeit führte, sondern gerade zu mehr Umsatz. Der Erfolg des Unternehmens wuchs mit den technologischen Schritten mit, die gesetzt wurden. Gleichzeitig blieb der Druck auf das Personal bestehen. Es werden nach wie vor viele Produktionsmitarbeiter benötigt, und auch neue Arbeitskräfte sind schwer zu finden. Inzwischen arbeitet De Cromvoirtse mit Menschen unter anderem aus Polen, Rumänien, Armenien und Syrien.
Das zeigt, dass Automatisierung in diesem Kontext kein Ersatz für Menschen ist, sondern ein Weg, um trotz struktureller Knappheit das Wachstum des Unternehmens zu ermöglichen.
Beginne beim Engpass, nicht bei der Technik
Auf die Frage, wo man beginnen sollte, ist Verschuren bemerkenswert pragmatisch. Man schaut zuerst darauf, wo es klemmt. Wo liegt der Engpass? Wo entstehen Verzögerungen, Qualitätsverluste oder Stillstand? Das ist der Prozess, der als Erstes Aufmerksamkeit verdient.
Bei De Cromvoirtse lag einer der größten ersten Gewinne im Be- und Entladen von Platten. Das geschah manuell, kostete Zeit und sorgte dafür, dass Maschinen bei Umrüstvorgängen unnötig stillstanden. Hinzu kam noch ein Qualitätsaspekt: Menschen werden müde, ein Roboter nicht. Wo eine Platte am Montagmorgen leicht geladen wird, fühlt sie sich am Freitagnachmittag schwerer an.
Dieser Typ von Engpass ist für viele Unternehmen in der Metallbranche wiedererkennbar: Es sind oft nicht die Maschinen selbst, sondern die Übergänge und Handgriffe drumherum, die den eigentlichen Gewinn blockieren.
AGVs und intelligente Logistik machen Automatisierung erst richtig skalierbar
Im Gespräch wird auch deutlich, dass es bei Automatisierung nicht nur um Maschinenkapazität geht, sondern gerade auch um die Logistik dazwischen. Wenn eine Platte geschnitten ist, bleiben Reststücke und Fertigprodukte übrig. Restmaterial geht zurück ins Lager. Fertigprodukte müssen pro Auftrag getrennt und zwischengelagert werden, bis sie weiter in die Fabrik gehen. Da kommen AGVs und Zwischenlager ins Spiel.
Weil auf einer Platte manchmal zwanzig Aufträge gleichzeitig liegen können, muss dieses Auftrennen und Verlagern äußerst sorgfältig geschehen. Wer nur den Schneidprozess automatisiert, ohne die interne Logistik gut zu organisieren, automatisiert nach dieser Logik also nur einen Teil des Problems.
Automatisierungsprojekte fallen immer enttäuschend aus
Eine der ehrlichsten Passagen im Gespräch ist Verschurens Warnung, dass Automatisierungsprojekte in der Praxis immer enttäuschend ausfallen. Sie dauern länger, kosten mehr und stoßen auf Probleme, die vorab nicht im Blick waren. Seine nüchterne Faustregel lautet sogar: Wenn man denkt, dass ein Projekt x kostet, sollte man besser mit 2x rechnen.
Das klingt entmutigend, aber er meint es gerade als realistische Warnung. Automatisierung ist kein reibungsloser Implementierungsvorgang. Gerade wenn man mehrere Softwarepakete und Systeme miteinander verbindet, entstehen unvermeidlich Diskussionen darüber, woher ein Problem kommt. Genau deshalb muss man laut ihm alles gut festhalten, klar vereinbaren und mit Partnern zusammenarbeiten, die dasselbe Problem wirklich mit einem lösen wollen.
KI wird jetzt zum nächsten Beschleuniger
Während die früheren Automatisierungsschritte vor allem physischer und logistischer Natur waren, schaut De Cromvoirtse nun auch nachdrücklich auf KI. Copilot läuft bereits im Unternehmen, und die Mitarbeiter erhalten Schulungen, um dessen Möglichkeiten kennenzulernen. Das konkreteste Beispiel ist jedoch das Projekt Brutus.
Brutus konzentriert sich auf Aufträge, die noch nicht über das Webportal eingehen. Zwischen 80 und 85 Prozent der Aufträge kommen bereits über dieses Portal herein, doch manche Kunden schicken nach wie vor E-Mails mit PDFs, DXF-Dateien oder Step-Files. Brutus liest diese Dateien aus und bereitet sie automatisch für die Verarbeitung im System auf.
Das ist eine kluge Entscheidung, weil sie an ein praktisches Problem anknüpft. Man möchte Kunden am liebsten durch seinen digitalen Prozess führen, doch Kunden lassen sich nicht immer vollständig steuern. Dann muss man Technologie bauen, die diesen Widerstand auffängt, ohne die Kundenbeziehung unter Druck zu setzen.
Kunden wollen Bequemlichkeit, nicht das interne Idealbild
Genau darin steckt eine wichtige Lehre. Ein Unternehmen kann intern zwar festlegen, dass das Webportal der beste Weg ist, aber große Kunden mit Hunderten Dateien in einem Auftrag wollen nicht immer alles manuell eingeben. Wenn man diese Flexibilität nicht bietet, suchen sie sich möglicherweise einen Lieferanten, der das tut. De Cromvoirtse entscheidet sich also dafür, dem Kunden so viel wie möglich abzunehmen, auch wenn das bedeutet, dass man die Komplexität selbst per KI auffangen muss.
Das macht die Digitalisierungsstrategie kundenorientiert statt rein intern getrieben.
Ohne lernende Menschen keine intelligente Fabrik
Laut Verschuren braucht man für Automatisierung nicht nur Technologie, sondern vor allem auch Menschen, die weiter lernen wollen. De Cromvoirtse arbeitet mit einer internen IT-Abteilung, aber auch intensiv mit externen Spezialisten. Gleichzeitig sind die eigenen Mitarbeiter entscheidend, weil sie das Unternehmen, die Produkte und die Kunden kennen.
Dazu ist er deutlich: Niemand ist nach der Schule „fertig“. Technologie verändert sich zu schnell, und die Mitarbeiter müssen weiter mitwachsen. Innerhalb von De Cromvoirtse gehört Veränderung deshalb zur normalen Arbeit. Neue Projekte, neue Systeme und neue Arbeitsweisen sind keine Ausnahme, sondern fester Bestandteil der Kultur.
Automatisierung bringt Kunden vor allem Flexibilität und weniger Lagerbestand
Der letztliche Wert der Automatisierung zeigt sich laut Verschuren nicht nur in interner Effizienz, sondern gerade in dem, was die Kunden davon merken. Wenn De Cromvoirtse schneller, klüger und konsistenter produzieren kann, müssen die Kunden selbst weniger Lagerbestand vorhalten. Das senkt das Risiko der Materialalterung, verhindert, dass Liquidität unnötig in Bauteilen gebunden ist, und ermöglicht es, später zu bestellen und dennoch schnell beliefert zu werden.
Das ist ein wichtiger Vorteil in Lieferketten, in denen sich Spezifikationen ändern können und in denen Lagerbestand also nicht nur Geld kostet, sondern auch ein Risiko mit sich bringt.
Die Warnung an Europa ist hart, aber deutlich
Am Ende des Gesprächs weitet Verschuren die Diskussion aus. Nach einem Besuch in China sieht er, wie schnell sich Technologie und Automatisierung dort entwickeln. Sein Fazit ist scharf: Wenn die Niederlande und Europa nicht schnell genug aufholen, verpassen wir den Anschluss. Ihm zufolge ist das im Markt für Elektroautos bereits teilweise geschehen. Europa muss also schneller zusammenarbeiten, lernen und handeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Das macht diese Geschichte größer als nur De Cromvoirtse. Es geht letztlich um die Frage, wie die europäische Fertigungsindustrie mit Geschwindigkeit, Technologie und Tatkraft umgeht.
Fazit
Die Geschichte von De Cromvoirtse zeigt, dass Automatisierung in der Metallbranche kein klar abgegrenztes Projekt ist, sondern ein fortlaufender Veränderungsprozess. Er beginnt mit der Überzeugung, dass etwas doch geht, wächst über kleine Schritte, erfordert Wissen von außen und wird unterwegs unvermeidlich teurer und komplexer, als man vorab denkt. Doch gerade deshalb ist es laut Janwillem Verschuren etwas, an dem man nicht vorbeikommt.
Für Unternehmen, die sich fragen, wo sie beginnen sollen, gibt De Cromvoirtse vor allem eine deutliche Lehre mit: Warte nicht auf den perfekten Moment oder die perfekte Lösung. Schau, wo es klemmt, hole Wissen von außen, suche Partner, die mitdenken wollen, und argumentiere weiter aus dem heraus, was doch geht. Denn Stillstand ist in diesem Markt keine neutrale Entscheidung, sondern schlicht Rückschritt.
FAQ
Was macht De Cromvoirtse?
De Cromvoirtse liefert Stahl und Aluminium nach Maß, unter anderem gesägt, geschnitten, geschert, per Rohrlaser oder wasserstrahlgeschnitten. Das Unternehmen liefert Einzelstücke und Bauteile, aus denen die Kunden ihre eigenen Endprodukte bauen.
Warum setzt De Cromvoirtse stark auf Automatisierung?
Vor allem wegen des Personalmangels, des Wachstums, der Flexibilität und der Notwendigkeit, auch in Zukunft effizient produzieren zu können.
Wo begann der Automatisierungsprozess?
Mit dem Webportal im Jahr 2008. Danach folgten unter anderem die automatische Lagerverwaltung, das Be- und Entladen, AGVs, Kantroboter und automatische Verpackungsschritte.
Was ist Brutus?
Brutus ist ein KI-Projekt innerhalb von De Cromvoirtse, das E-Mails mit PDFs, DXF- und Step-Dateien ausliest und für die Verarbeitung im System bereitstellt.
Was ist laut Janwillem Verschuren die wichtigste Lehre?
Denke weiter aus dem heraus, was doch geht, hole Wissen von außen und akzeptiere nicht zu schnell, dass etwas unmöglich ist.
