Round-Table-Gespräch über Automatisierung, Schnittstellen, Echtzeitdaten und das Gleichgewicht zwischen Mensch und Maschine
Die Industrie steht an einem logistischen Scheideweg. Lager werden intelligenter, Prozesse schneller und die Kundenerwartungen höher. Doch was bedeutet das in der Praxis? Bei einem neuen Round-Table-Gespräch, organisiert von deindustrie.online, kamen sechs Experten zusammen, um die Zukunft der Warehouse-Logistik zu erörtern. Am Tisch: Vertreter von Reflex WMS, Valor Automation, Stream Software, Kangaroo und Logflow.
Der rote Faden des Gesprächs? Realismus. Die Technologie ist vorhanden, doch die Kluft zwischen Ambition und Praxis ist oft größer als gedacht. Moderiert wurde die Sitzung von Niko Saris.
Roboter im Lager: Gamechanger mit Vorbehalten
“Der größte Gamechanger im Moment sind Roboter”, stellt Jan Hulsmann (Valor Automation) entschieden fest. „Sie machen die Automatisierung flexibler, skalierbarer und günstiger als die klassischen ASRS-Systeme.“ Dennoch ist das Bild weniger rosig, als es scheint. „Die Versprechen sind oft zu groß, gerade wenn es um Kapazität und Zuverlässigkeit geht.“
Simon Popelier erkennt das Risiko einer ‚Roboter-Romantik‘: „Auf Logistikmessen sieht alles makellos aus, aber Manager verlieben sich oft in eine Technologie, die überhaupt nicht zu ihren Prozessen passt. Ein Roboter ist kein Wundermittel, sondern ein Puzzleteil.“
Schnittstellenprobleme: der stille Saboteur von Innovationen
Der größte Engpass bei Automatisierungsprojekten erweist sich immer wieder als die Schnittstelle. „Technisch können wir alles verbinden“, sagt Ronald Schepers (Reflex WMS), „aber das Problem liegt darin, wie Prozesse aufgesetzt sind – und wie man darüber kommuniziert.“
Jan Hulsmann ergänzt: „Unsere physische Automatisierung funktioniert einwandfrei, aber Projekte bleiben manchmal ein Jahr liegen, weil die Schnittstelle zum WMS nicht funktioniert. Realismus ist das Schlüsselwort. Wenn man ein WMS vollständig customized und dazu noch alle Fördersysteme und die Schnittstellen, dann baut man an seinem eigenen Scheitern.“
Klein anfangen, groß denken: Realismus als Erfolgsfaktor
Dieser Realismus kehrt am Tisch immer wieder zurück. „Ich habe Projekte erlebt, bei denen 20 Millionen abgeschrieben wurden, weil alles gleichzeitig anders werden sollte“, erzählt Hulsmann. „Die Alternative? Mit bewährten Prozessen und Technologien beginnen. Von den Stärken der Partner ausgehen und darauf aufbauen.“
Simon Popelier betont die Bedeutung einer klaren Langfristvision: ‚Es ist wichtig, zunächst genau zu bestimmen, wohin man sich als Unternehmen entwickeln will. Diese Vision sorgt für Richtung und einen Überblick über das Ganze. Erst dann kann man festlegen, was ein logischer und beherrschbarer erster Schritt ist. In der Praxis sehen wir oft, dass Unternehmen mit allerlei kleinen, losen Verbesserungsinitiativen beginnen – ohne diesen übergreifenden Blick. Dann entsteht ein ‚sechsköpfiger Drache‘ aus losen Verbindungen, die nicht gut aufeinander abgestimmt sind.
Echtzeitdaten und KI: viel Potenzial, aber noch ein weiter Weg
Ronald Schepers sieht Echtzeitdaten als essenziell für Bestandszuverlässigkeit und Supply-Chain-Steuerung: „Man kann erst dann wirklich auf Optimierung und Kundenzufriedenheit hinarbeiten, wenn man weiß, was passiert – von der Fabrik bis zum Auslieferungspunkt.“
Popelier erläutert: ‚Zu Beginn jedes Projekts fordern wir eine erhebliche Menge an Daten an, um die Prozesse gründlich zu analysieren. Unser interner Benchmark zeigt, dass etwa 80 % der Unternehmen ihre Stammdaten nicht im Griff haben. Entscheidende Basisdaten fehlen oft – man denke an Produktabmessungen, Gewichte oder Umrechnungsfaktoren wie die Stückzahl pro Palette. Ohne zuverlässige Quelldaten kann man nicht auf Technologien wie Echtzeit-Dashboards oder KI aufbauen. Viele Unternehmen sind dafür schlichtweg noch nicht bereit.‘
Sam Jespers (Stream Software) merkt dazu an, dass viele Unternehmen ‚im Detail von Daten und Compliance ertrinken‘. „Die Gesetzgebung ändert sich ständig, etwa im Bereich Zoll und CBAM, und das erfordert ein digitales Fundament, das oft noch fehlt.“
Zollprozesse und physische Realität: zwischen Regulierung und Effizienz
Sam Jespers geht näher auf die Komplexität von Zollintegrationen ein. „Viele Warehouses müssen sowohl bonded als auch non-bonded Waren verarbeiten. Oft wird das physisch getrennt, aber das muss nicht zwingend sein – sofern man es administrativ korrekt organisiert.“
Die Praxis erweist sich als widerspenstig. „Sobald man Automatisierung und Zoll kombiniert, wird die Fehlermarge klein. Ein Fehler und man hat sofort Verzögerungen und Kosten“, sagt Ronald Schepers. „WMS, Zoll und Robotik müssen nahtlos zusammenarbeiten, und das ist komplexer, als viele Menschen denken.“
Autonomie versus Wartung: vollständig automatisiert ist (noch) selten
Werden Warehouses bald vollständig autonom sein? „Technisch ist es möglich“, sagt Hulsmann, „aber praktisch oft nicht rentabel. Ein vollständig automatisiertes Warehouse hat eine Amortisationszeit von 8 bis 10 Jahren. Hinzu kommt: Man braucht ein großes IT- und Wartungsteam, das man nicht so einfach findet.“
Nach Ansicht der Gesprächsteilnehmer liegt die Zukunft in modularer Automatisierung. „Man muss nicht alles auf einmal automatisieren. Man kann auch mit fünf kleinen Robotern für 150.000 Euro anfangen. Dann testet man den ROI und skaliert hoch“, so Hulsmann.
Kundenerwartungen: Geschwindigkeit, Flexibilität und Transparenz
Was erwarten Kunden von Logistikdienstleistern? „Ganz einfach: Geschwindigkeit und Sichtbarkeit“, sagt Martijn Zuidmeer (Kangaroo B.V.). „Sie wollen Echtzeiteinblick in Bestand und Leistung und erwarten, dass man sich mit ihrem Geschäft mitbewegt.“
Laut Ronald Schepers professionalisiert sich der Markt schnell. „Man sieht immer mehr Spezialisierung unter Logistikdienstleistern – von E-Commerce bis zu Gefahrstoffen. Aber Kunden lagern nur dann aus, wenn sie darauf vertrauen, dass man es wirklich besser macht als sie selbst.“
Dennoch kehrt ein Teil der Kunden auch zum Insourcing zurück. „Nicht, weil es günstiger ist, sondern wegen Kontrolle, Kapazität oder strategischer Gründe“, stellt Hulsmann fest.
Der menschliche Faktor: Technologie als Hebel, nicht als Ersatz
Am Ende der Sitzung gibt es eine Schlussfolgerung, in der sich alle einig sind: Technologie ist ein Hebel, aber Menschen bleiben ausschlaggebend. „Ein Lager ohne Menschen ist vorerst eine Utopie“, sagt Hulsmann. „Und selbst wenn alles automatisiert ist, braucht man Menschen, um Prozesse zu überwachen, Systeme zu warten und Kunden zu verstehen.“
Simon Popelier betont, dass Change-Management noch zu oft unterschätzt wird. „Eine neue Technologie ist der ideale Moment, um Prozesse neu zu bewerten. Aber dann muss man auch den Mut zur Veränderung haben – und die Menschen mitnehmen.“
Fazit: Die Zukunft gehört dem Realisten mit Vision
Die Zukunft der Warehouse-Logistik ist nicht schwarz-weiß. Es geht nicht um ‚Roboter versus Menschen‘ oder ‚individuell versus standardisiert‘. Es geht um das Gleichgewicht: zwischen Technologie und Prozess, zwischen Ambition und Realismus, zwischen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit.
Unternehmen, die bei den Grundlagen ansetzen, in zuverlässige Partner investieren und den Mut haben, aus Fehlern zu lernen, werden sich abheben. Nicht mit dem neuesten Spielzeug – sondern mit durchdachten Entscheidungen, Akzeptanz und nachhaltiger Umsetzung.
„Wer bei seinen Ambitionen realistisch bleibt, kann gerade dadurch Großes aufbauen.“
Teilnehmer dieser Sitzung:
- ● Ronald Schepers – Business Development Director, Reflex WMS
- ● Jan Hulsmann – Mitinhaber, Valor World
- ● Sam Jespers – Commercial Director, Stream Software
- ● Martijn Zuidmeer – Geschäftsführer, Kangaroo B.V.
- ● Simon Popelier – Innovation Manager, Logflow
- ● Niko Saris – Inhaber, deindustrie.online (Moderator)
